Vom Ladenhüter zum Mainstream

Elektroauto-Occasionen im Aufwind

Vom Ladenhüter zum Mainstream

9. Juni 2023 agvs-upsa.ch – Lange galten Elektroautos als ungeliebte Occasionen. Das ändert sich, wie eine Analyse von Auto-i-Dat zeigt: Die Restwerte gleichen sich jenen der Verbrenner an. Wir befragen die Experten, wie sich der Occasionsmarkt entwickelt, was aus den Verbrennern wird – und was Garagisten jetzt wissen müssen. 


Zahlen lügen nicht: Die Entwicklung der Neupreise und Restwerte nach Antriebsart (in Schweizer Franken; Stichtag jeweils 1. Mai; Occasionsrestwerte nach 48 Monaten und 60’000 Kilometer Laufleistung). Grafik: Auto-i-Dat

tpf. Entgegen aller Unkenrufe ist die Elektromobilität nun auch auf dem Occasionsmarkt angekommen: Eine Analyse des Fahrzeugdaten-Marktführers Auto-i-Dat belegt, dass sich die Restwerte den Verbrennern angleichen. Wobei das Occasionshoch allgemein abflaut: Für das Restjahr erwarte man einen «sanften Abwärtstrend». Wir sprechen mit René Mitteregger, Leiter Produktmanagement Auto-i-Dat, und Azren Rastoder, Leiter Redaktion Auto-i-Dat.


René Mitteregger, Leiter Produktmanagement Auto-i-Dat (l.) und Azren Rastoder, Leiter Redaktion Auto-i-Dat. Fotos: Auto-i-Dat 

Herr Mitteregger und Herr Rastoder, wieso gleichen sich die Restwerte der E-Autos jenen der Verbrenner an?
René Mitteregger: Diese Angleichung hat einerseits mit der gesteigerten Akzeptanz der Elektrofahrzeuge zu tun. Die Kunden vertrauen heute aufgrund der bisherigen Erfahrungen darauf, dass eine Batterie ein langes Leben haben kann. Andererseits gibt es mehr Modelle, und Elektrofahrzeuge sind erschwinglich geworden.
Azren Rastoder: Seit zwei, drei Jahren entsteht ein Elektroauto-Massenmarkt. Nicht nur wegen der höheren Reichweiten, auch wegen höherer Ladegeschwindigkeit sind die Akzeptanz und Bereitschaft, ein gebrauchtes E-Auto zu kaufen, gestiegen. Gesagt sei: Wir machen die Preise nicht, die Marktteilnehmenden machen sie…

… und Sie analysieren sie. Hören Sie trotzdem mal den Vorwurf, dass Ihre ­Restwerte «falsch» seien?
Azren Rastoder: Das kommt vor, aber im Nachhinein wird meist eingesehen, dass wir recht hatten. Wäre es nach einigen Marktteilnehmern gegangen, wären die Restwerte von E-Autos seit fünf, sechs Jahren so hoch wie heute.
René Mitteregger: Anders als viele andere hatten wir diese Entwicklung erwartet. Neue Technologie kommt meist zuerst in teuren Fahrzeugen. Viele Elektroautos lagen anfangs jenseits der 100’000 Franken: Restwerte teurerer Fahrzeuge sinken stets schneller als jene in der Mittelklasse. Jetzt sind E-Autos erschwinglicher, also die Restwerte stabiler.

Heisst das nicht umgekehrt, dass die Verbrenneroccasionen an Restwert verlieren?
René Mitteregger:
Nein, Der Verbrenner verliert nicht plötzlich exorbitant – damals beim Dieselskandal gab es auch nur einen kurzen Knick. Wir könnten uns gar vorstellen: Kommt das EU-Verbrennerverbot, könnten Verbrenner in zehn, zwölf Jahren zulegen. Aber vorerst werden die Restwerte sich nicht stark unterscheiden.
Azren Rastoder: Es hängt auch von der Entwicklung ab. Mittelfristig wird, wer daheim laden kann, ein E-Auto haben. Zwei Drittel der Menschen können das noch nicht, und mittelfristig wird sich dies in unserem Land der Mieter auch nur schwerlich ändern. Insofern werden Verbrenner wohl gefragt bleiben.

Tesla hat die Neupreise teils um 10’000 Franken gesenkt. Was macht das mit Tesla-Occasionen?
René Mitteregger: Tesla ist ein Sonderfall und hat ein Problem zur Tugend gemacht: Tesla konnte erst nicht liefern, hat Order gesammelt – und in kurzer Zeit sehr viele Autos gebracht. Aber auch Autos zurückgekauft und in Länder mit Subventionen exportiert. Das hat den Restwert verbliebener Teslas gesteigert. Jetzt sinken die Restwerte: Bei so gesenktem Neupreis kauft niemand die einjährige Occasion, sondern den Neuwagen.
Azren Rastoder: Zuerst leiden die Vorführwagen, dann setzt sich das als Kettenreaktion fort. Erwähnen muss man unbedingt, dass die meistverkauften Varianten nach der weniger starken Preisanpassung für alle Teslas im Februar im April übrigens gar nicht mehr gesenkt wurden. Etablierte Hersteller sind viel vorsichtiger, Tesla dagegen pusht. Denn inzwischen sind ja Alternativen da, Tesla kann die Preise also nicht mehr bestimmen.

Wie steht es eigentlich um andere ­Alternativantriebe wie Plug-in-Hybride, Gas- oder Wasserstoffautos?
René Mitteregger:
Jede Antriebsform findet ihr Einsatzgebiet. Der Plug-in-Hybrid wird gefragt bleiben. CNG-Fahrzeuge waren nie sehr gefragt, auch weil sie in der Anschaffung teurer sind als Benziner: Die Restwerte gleichen sich Verbrennern an. Bei Wasserstoff fehlt Infrastruktur, solange bleiben das Nischenprodukte.

Für Garagisten sind Occasionen je nach Marktlage mal Segen, mal Fluch. Gibt es typische Fehler?
René Mitteregger: Oft werden Occasionen zu hoch eingetauscht. Der Klassiker ist, Preise von Internetbörsen als Referenz zu verwenden. Fast kein Auto wird zum inserierten Preis verkauft. Da sind Transaktionspreise – tatsächlich erzielte Preise, wie sie unsere Produkte zeigen – weit zuverlässiger. Wir beobachten einzelne Occasionen: Liegen sie zu hoch, bleiben sie stehen, bis sie günstiger werden. Im Auge behalten sollte man auch Standzeiten. Man sollte Risikomargen einrechnen, etwa für flottengetriebene Marktveränderungen.

Welchen Einfluss haben denn ­Flottenfahrzeuge?
Azren Rastoder: Kommen auf einen Schlag 200 VW Passat auf den Markt, drückt das nicht nur auf die Passat-Restwerte, sondern auf das ganze Segment, also auf den preislich ähnlichen Skoda Octavia oder auch den günstigeren Renault Megane.

Droht nach dem Occasionshoch jetzt ein ­Occasionstief, und wie sollten Garagisten nun reagieren?
René Mitteregger:
Hat man Occasionen bisher um jeden Preis eingekauft, sollte man damit aufhören. Man sollte mit Bedacht einkaufen, dann ist man auf der Gewinnerseite. Es wird keine plötzlichen Rückschläge geben, weil noch ein Nachfrageüberhang da ist. Aber das Preisniveau wird sich bis 2024 sanft normalisieren.
Azren Rastoder: Das liegt auch daran, dass sich die Liefersituation bei den Neuwagen zwar verbessert hat, aber noch nicht völlig erholt. Bezüglich Occasionen ist das für Garagisten ideal, weil man sich langsam an das neue Niveau gewöhnen kann. Und vorbereitet, indem man keine zu hoch ausgeschriebenen Autos einkauft. 
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